Meerschweinchen tragen durchschnittlich 68 (64 bis 72) Tage. Ein Meerschweinchen sollte bei der ersten Geburt nicht älter als ein Jahr sein und nicht mehr als 800 g wiegen, denn, nach ca. einem Jahr beginnen die Geburtswege zu verknöchern. Je älter ein Tier bei der ersten Geburt ist, umso höher ist deswegen die Gefahr von Geburtskomplikationen. Eine Trächtigkeit vor dem 6. Lebensmonat sollte auch vermieden werden, weil das Tier sich bis dahin noch in seiner eigenen Entwicklung befindet, welche durch eine Trächtigkeit verzögert wird.

Wenn ein zu junges Tier trächtig wird, sollte es möglichst in einem Rudel mit erfahrenen Weibchen leben, weil junge Meerschweinchen mit einer Geburt auch schnell überfordert sein können. In wissenschaftlichen Untersuchungen (UNI Münster, Prof. Dr. Sachser) wurde festgestellt, dass ein instabile soziale Umwelt während der Trächtigkeit Einfluss auf Hormone und Verhalten der Nachkommen hat. So tritt bei weiblichen Tieren z.B. eine Maskulinisierung auf. Häufige Gruppenwechsel stellen genrell einen hohen Stressfaktor dar, für ein trächtiges Tier aber umso mehr. Ein trächtiges Meerschweinchen sollte also während der gesamten Trächtigkeit und auch während der Geburt und Aufzucht in seiner vertrauten Umgebung bleiben. Die anderen Tiere des Rudels verleihen dem Tier die nötige Sicherheit um diese Lebensphase gelassen meistern zu können. Bei auftretender Unruhe oder Überforderung kommt es mitunter auch vor, dass andere Tiere des Rudels beruhigend auf die werdende Mama einwirken und auch bei der Geburt helfen. Werfen in einem Rudel mehrere Tiere zeitnah, werden die Jungen häufig auch von den anderen Müttern gesäugt.

In den ersten 4 bis 6 Wochen erkennt ein Laie eine Trächtigkeit meist noch nicht. Ein erfahrener Zücher kann eine Trächtigkeit etwa ab der 3./4. Woche ertasten. Erst in den letzten vier Wochen nimmt das Tier deutlich an Umfang zu.

Luna von oben, fast breiter als lang

Luna eine Woche vor der Geburt von 6 Jungen

In den letzten vier Wochen kann man die Jungen gut ertasten. Wenn man die Hände seitlich/bäuchlings an das Tier legt und sanft andrückt, spürt man häufig Tritte oder „Boxereien“ im Inneren. Im letzten Drittel der Trächtigkeit beginnt die Schambeinfuge (Beckensymphyse) sich zu weiten. Normalerweise liegen die beiden Beckenhälften aneinander und sind mit Bindegewebe und Knorpel verbunden. Kurz vor der Geburt beträgt der Abstand etwa 1,5 bis 2 cm. Diesen Spalt kann man beim trächtigen Tier auch ertasten und ungefähr feststellen wann die Geburt ansteht.

Röntgenbild von Lola, man sieht deutlich die schon fast voll ausgebildeten Skelette der Babys

Lola mit ihren drei Babys beim Röntgen. Der orange Pfeil kennzeichnet die geweitete Beckensymphyse.

Da ein Meerschweinchen unmittelbar nach der Geburt wieder brünstig wird, kann ein beisitzender Kastrat in diesen Stunden jedoch für Unruhe sorgen, weil er natürlich hohes Interesse an dem brünstigen Weibchen hat. Daher sollten in dem Gehege Unterschlüpfe existieren unter die die Jungen sich verkriechen können, wenn es zwischen der Mama und dem Bock in diesen Stunden „hoch her geht“. Hierfür eignen sich bis zu 6 cm hohe Unterstände die für ein erwachsenes Meerschweinchen zu niedrig sind, unter denen sich die Jungtiere aber prima zurückziehen können.

Ein unkastrierter Bock darf keinesfalls unter der Geburt in der Gruppe bleiben, weil er die Dame sofort wieder decken würde. Zwischen zwei Würfen sollte ein Meerschweinchenweibchen 3-4 Monate Pause einlegen dürfen. Mehrere Würfe hintereinander mergeln das Tier aus, berauben es seiner Reserven. Auch die Jungen aus solchen Würfen sind häufig unterentwickelt.

Da Meerschweinchen Nestflüchter sind bauen die Mütter keine Nester, sondern suchen sich für die Geburt nur eine ruhige Ecke. Eine
komplikationslose Geburt dauert ca. 10 bis 20 Minuten. Das Meerschweinchen bekommt seine Jungen in einer sitzenden Haltung mit nach vorn gebeugtem Becken und gespreizten Beinen. Wenn ein Weibchen unter den Wehen auf der Seite liegt hat es definitiv Geburtsprobleme und sollte sofort zu einem Tierarzt gebracht werden. Beim ersten Wurf fallen meist 1-4 Junge, in weiteren Würfen können bis zu 7 Junge fallen. Die Jungen wiegen zwischen 50 und 140 g. Dabei ist das Geburtsgewicht meist umso niedriger je mehr Junge fallen. Bei großen Würfen steigt somit das Risiko, das das ein oder andere Jungtier nicht kräftig genug ist um zu überleben. Die Jungen kommen vollständig entwickelt zur Welt. Die Augen öffnen sich bereits 14 Tage vor der Geburt, auch das Milchgebiss wird bereits während der Trächtigkeit gewechselt. Bereits eine Stunde nach der Geburt folgen sie der Mama auf Schritt und Tritt und beginnen bereits am ersten Lebenstag an allem zu knabbern, was auch die Mama frisst.

Jungtiere die nach der Geburt „rumliegen“ und nicht sofort anfangen zu stehen und zu laufen, oder unter 50 g wiegen sind lebensgefährdet. Hier sollte genau beobachtet werden, ob sie vital und vollständig entwickelt sind und ob sie gesäugt werden. Im Zweifelsfall sollte man schnellstmöglich einen Tierarzt aufsuchen.

Meerschweinchen sind dem Grunde nach „leicht zu vermehren“, eine Meerschweinchenkinderstube ist unglaublich entzückend und ohne nennenswerte Aufwände „erlebbar“. Sie haben kaum veränderte Bedürfnisse während der Trächtigkeit, benötigen keine besondere Fütterung (gesunde und abwechslungsreiche Kost vorausgesetzt) und Geburtskomplikationen sind auch eher selten. Dies führt leider dazu, dass tagtäglich unüberlegter Meerschweinchennachwuchs geboren wird.

Viele dieser Tiere findet man dann in örtlichen Anzeigenblättchen oder auf Supermarktpinnwänden, werden im nächstbesten Zoohandel abgegeben oder landen letztendlich gar in Tierheimen und Notstationen.

Deswegen sei an dieser Stelle erwähnt, dass man ein Meerschweinchen erst -und nur dann- decken lassen sollte, wenn man für den Nachwuchs verantwortungsvolle Halter gefunden hat. Da in einem Wurf auch ausschließlich Böcke fallen können, sollte man auch einkalkulieren diese Böcke sämtlichst kastrieren lassen zu müssen. Es ist fast unmöglich unkastrierte Böcke zu vermitteln.

Weiterhin sollte beachtet werden, dass es einige genetische Besonderheiten bei Meerschweinchen gibt (Lethalfaktor bei Dalmatiner- und Schimmeltieren). Mindestkenntnisse der Genetik sollten also vorhanden und die Herkunft der Elterntiere bekannt sein. Ansonsten riskiert man schwerstbehinderte oder totgeborene Junge.

Autor: Gina Alt, Röntgenfoto von Dipti