Eierstockzysten (Ovarialzysten) kommen beim Meerschweinchen sehr häufig vor. Sie entstehen durch nicht befruchtete Follikel welche sich an den Eierstock heften und dann sozusagen eine flüssigkeitsgefüllte „Blase“ bilden. Es gibt ein- und mehrkammrige Zysten (nur ca. 20 % der Zysten sind grosskammrig). Heisst, die Zyste kann aus einer, oder mehreren „Blasen“ bestehen. Zysten können organische Beschwerden verursachen und/oder hormonell aktiv werden. Die Diagnose kann i.d.R. mittels Tastbefund hergestellt werden. Eine Ultraschalluntersuchung kann zusätzlich den „Beweis“ erbringen. Bei Röntgenaufnahmen sind die Zysten nicht immer sicher erkennbar.

Organische Auswirkungen

Zysten können einen erheblichen Umfang (bis zu hühnereigroß) erreichen, wodurch sie dann insbesondere den Darmtrakt (Einschränkung der Futteraufnahmemöglichkeit) verdrängen, oder sie drücken ggf. auch auf das Zwerchfell (Atmungsprobleme). Bei sehr großen Zysten ist es in etwa so, als ob ein Mensch einen Medizinball im Bauchraum hätte. Dieser Vergleich macht die Tragweite und Dringlichkeit einer Behandlung großer Zysten deutlich.

Ovarialzyste nach operativer Entfernung

Hier sieht man eine hühnereigroße Ovarialzyste. Das Schweinchen hatte 2 davon und war nach der OP -im wahrsten Sinne des Wortes- um einiges erleichtert. (Bild mit freundlicher Genehmigung von Heinz Diehl)

Hormonelle Auswirkungen

Zysten können völlig unabhängig von ihrer Größe hormonell aktiv werden indem sie Östrogen produzieren

und das Tier in eine Dauerbrunst versetzen. Dies macht sich dann durch folgende mögliche Symptome bemerkbar:

  • vermehrtes Aufreiten auf andere Meerschweinchen
  • Hyperaktivität
  • Nervösität
  • Fellverlust (meist an den Flanken beginnend)
  • Gewichtsabnahme bei bestem Appetit durch das „Nicht-zur-Ruhe-kommen“
  • durch sein auffälliges Verhalten wird das Tier häufig in Rangeleien verwickelt

Die Symptome können einzeln aber auch in Kombination auftreten. Das Meerschweinchen geht in diesem Zustand sowohl sich selbst, als auch seinen Lebensgenossen sehr „auf die Nerven“. Der Gruppenfrieden wird enorm gestört, die Tiere werden allesamt gestresst. Nicht selten schlägt sich dies auch auf das Immunsystem nieder, und es treten dann u.U. auch vermehrt Parasiten- und Pilzbefall auf.

Behandlungsmöglichkeiten

Homöophatische Behandlung

Manchmal sehr erfolgreich, in manchen Fällen jedoch auch völlig wirkungslos.

Hormonelle Behandlung

Das Tier erhält Hormone („Gegenspieler“ des Östrogens), welche in den meisten Fällen zumindest die Hormonstörungen beheben. Hierzu erhält das Tier dreimal im Abstand von 10 -14 Tagen eine Hormonspritze. Die Wirkung hält manchmal nur wenige Wochen, manchmal aber auch viele Monate an. Sie muss also bei Wiedereinsetzen der hormonellen Auswirkungen wiederholt werden.

Manchmal bringen die zugeführten Hormone auch Zysten zum Platzen, so dass auch das organische Problem gelöst wird. Solange die Zysten bei dieser Behandlung in einer akzeptablen Größe bleiben, kann diese Behandlung mehrfach angewandt werden.

Diese hochdosierten Hormone sind jedoch nicht ohne Nebenwirkungen. Durch die Hormongaben steigt das Risiko zu Gebärmutterentzündungen, Veränderungen am Gesäugetrakt, vielleicht fördern sie sogar Tumorbildung. Insofern ist eine Behandlung über Jahre als sehr kritisch zu bewerten.

Bei jungen Tieren sollte man also eher gleich eine Operation in Betracht ziehen, weil eine jahrelange Behandlung mit Hormonen höchstwahrscheinlich die bekannten Nebenwirkungen auslösen.

Sehr alte Tiere sind ggf. nicht mehr in einer Verfassung, in der sie eine solche OP überstehen könnten, oder die Nebenwirkungen würden sowieso nicht mehr eintreten, weil dem Leben eines Meerschweinchens nun mal Grenzen gesetzt sind. Hier sind die Hormonbehandlungen dann eine überlegenswerte Alternative.

Wenn die Zysten trotz Hormonbehandlung nicht platzen oder sogar weiter wachsen oder die Hormone keine Wirkung auf das Verhalten bewirken, kommen nur noch die Punktion oder die Operation in Betracht.

Punktion

Diese Behandlung ist nur bei großkammrigen Zysten sinnvoll. Bei einer mehrfach gekammerten Zyste ist es schwierig bis unmöglich aus allen Kammern die Flüssigkeit zu entnehmen. Hierbei wird die Zyste durch die Bauchwand hindurch mit einer Kanüle angestochen und so die Flüssigkeit entnommen. Dies sollte idealerweise unter Begleitung des Ultraschallgerätes geschehen. So kann sichergestellt werden, dass kein falsches Organ punktiert wird, außerdem kann man dann auch sehen, ob die Zyste aus mehreren Kammern besteht. Nach einer Punktion kann die Zyste sich aber trotzdem auch wieder füllen. Weiterhin besteht auch ein Infektionsrisiko, welches nur durch allerhöchste hygienische Sorgfalt beim Punktieren verringert werden kann. Da die Punktion für das Tier einen enormen Gewichts- und Flüssigkeitsverlust zur Folge haben kann, sollte man bei sehr großen Zysten ggf. in zwei bis drei Sitzungen punktieren und im Anschluss Flüssigkeit spritzen. Es empfiehlt sich nach der Punktion eine hormonelle Behandlung durchzuführen um der Entstehung weiterer Zysten vorzubeugen.

Zerquetschen

Manche Tierärzte versuchen die Zyste im Bauchraum zum Platzen zu bringen. Manchmal passiert dies aber auch „aus Versehen“ beim Abtasten des Tieres, bzw. in dem Moment, in dem der TA versucht die Zyste sicher zu fassen um ihren Umfang zu ermitteln. Dies ist ein Vorgang, der unter Umständen auch von ganz allein passieren kann, und somit eigentlich einen „natürlichen“ Vorgang simuliert. Auch diese Behandlung ist nur bei großkammrigen Zysten sinnvoll. Bei einer mehrfach gekammerten Zyste ist es kaum möglich die Zyste so unter Druck zu setzen, dass alle Kammern platzen. Es ist eine riskante Methode, weil auch hier die Gefahr gegeben ist, dass ein anderes Organ mit einer Zyste verwechselt wird. Will der TA die Zyste gezielt mit dieser Methode zerstören, sollte auch hier der Ultraschall begleitend eingesetzt werden, oder zumindest dadurch sichergestellt werden, dass es sich tatsächlich um eine Ovarialzyste handelt. Es empfiehlt sich nach der Punktion eine hormonelle Behandlung durchzuführen um der Entstehung weiterer Zysten vorzubeugen.

Operation

Die endgültige Möglichkeit ist die Operation. Das Tier wird kastriert (Entfernung der Eierstöcke und der Gebärmutter) und somit können keine Zysten mehr entstehen.
Vor der Operation hormonell aktiver Zysten sollte das Meerschweinchen ein bis zweimal mit Hormonen behandelt werden, um eine stufenweise Absenkung des Hormonspiegels herbeizuführen.

Eine solche Operation ist ein schwerer Eingriff und sollte nicht zu spät in Erwägung gezogen werden. Versucht man erst wochen- oder monatelang alle anderen Möglichkeiten ohne Erfolg und wartet „bis es nicht mehr anders geht“, kann das Tier schon sehr angeschlagen sein. In einem geschwächten Zustand ist das Risiko eine solche Operation nicht zu überstehen extrem erhöht.

Vorbeugung

In letzter Zeit häuft sich auch von tierärztlicher Seite die Empfehlung Weibchen prophylaktisch kastrieren zu lassen.

Dieser Schritt will wohl überlegt sein, weil eine Kastration bei Weibchen eine umfangreiche Bauchoperation ist. Auch wenn sehr viele Tiere Zysten entwickeln, so bekommen doch nur relativ wenige Tiere behandlungsbedürftige Beschwerden. Es reicht also durchaus diese Maßnahme erst beim Auftreten von Beschwerden anzuwenden.

Denn, würdet ihr euch nach abgeschlossener Familienplanung wegen der Gefahr von Gebärmutterhals-/Eierstockkrebs die Gebärmutter samt Eierstöcken entfernen lassen? Oder euren Kindern wegen möglicher Entzündungen die Mandeln entfernen lassen?

Eine Bauchoperation und Narkose bergen immer erhebliche Risiken. Diese sollten auch bei Tieren bedacht abgewogen und niemals ohne medizinische Indikation durchgeführt werden.

Häufig hört man, dass die Gefahr von Ovarialzysten in Gruppen ohne Bock erhöht sei. Wissenschaftlich verlässliche Aussagen existieren hierzu nicht. Es ist eine auf vielseits gemachten Erfahrungen beruhende Annahme. Da Meerschweinchen aber eine induzierte Ovulation haben (heisst, dass der Follikelsprung durch einen äußeren Reiz ausgelöst wird) wäre ein Zusammenhang durchaus denkbar. Hierzu müsste man jedoch genau wissen, welcher Reiz genau den Follikelsprung auslöst. Hierzu konnte ich jedoch bisher keine verlässlichen Aussagen finden. Wäre es nur das Aufreiten, so würde dieser Reiz auch von anderen Weibchen ausgelöst, weil Weibchen sich unter der Brunst auch gegenseitig besteigen. Würde der Penis des Männchens einen mechanischen Reiz in der Vagina auslösen, so würde tatsächlich nur ein Bock unterstützend einwirken können. Ebenso, wenn die Samenflüssigkeit einen hormonellen Reiz geben würde. Möglich wäre aber auch, dass nur der Samen selbst einen hormonellen Reiz auslöst. Dann würde allerdings
nur ein unkastrierter Bock entsprechende „Wirkung“ haben (diese Zystenprophylaxe wäre jedoch äußerst kontraproduktiv!).

Dann geistert noch die Aussage durch die Welt, dass es wegen der Zystengefahr besser sei, wenn ein Meerschweinchenmädel wenigstens einmal im Leben einen Wurf gehabt hätte. Wie eine einmalige Follikelbefruchtung Auswirkungen auf Zysten haben soll ist (uns) jedoch unklar. Denn ein Follikelsprung erfolgt alle 16 bis 21 Tage. Wenn hier dann einmalig eine Befruchtung stattfindet, hat dies ja keinerlei Auswirkungen auf die Zukunft. Aber, ob da nun „was dran“ ist, oder nicht: Es kann nicht im Sinne der Tiere sein 3 bis 6 Babyschweinchen in die Welt zu setzen, diese dann in Tierheim oder Notstation abzuliefern, um einem Meerschweinchen die Gefahr zur Zystenbildung zu reduzieren. Die Jungen wollen ja auch adäquat untergebracht und versorgt werden. Tierheime und Notstationen sitzen voller abgeschobener Tiere. Da braucht man keine weiteren aus diesem Grund produzieren. (Frauen ohne Kinder haben auch ein erhöhtes Krebsrisiko. Trotzdem setzt man ja aus diesem Grund keine Kinder in die Welt.)

Ob ein Bock nun Zysten zu vermeiden hilft oder nicht, das Rudelleben bereichert er auf jeden Fall ungemein, so dass wir – ungeachtet der Wirkung auf Zystenbildung – sowieso nur jedem raten können keine reinen Mädchenrudel zu halten. Außerdem gibt es ebenso viele Böcke wie Mädels, und die Folge ist ein ziemlicher „Bocküberschuss“. Also sollte jeder Meerschweinchenhalter auch einem Bock die Chance auf ein nettes Zuhause geben. Ob ein Bock der Gesundheit der Mädels nutzt ist ungeklärt, schaden tut er aber definitiv nicht ;-)